2013

Premierenbericht in der LKZ/NEB: Stefan Friedrich

Bild von: Karin Rebstock

Es ist Sommer, Zeit für die Open-Air-Veranstaltungen der Besigheimer Studiobühne auf der Freilichtbühne am Steinhaus. Bei der Premiere der jüngsten Inszenierung hat am Samstag einfach alles gepasst: Glänzend aufgelegte Akteure und ein herrlicher Sommerabend vor stimmungsvoller Kulisse.

Eine ebenso pfiffige, wie mit wichtigen Gedanken und bis in die heutige Zeit aktuellen Motiven gespickte Gaunerkomödie haben die Akteure der Studiobühne in geradezu bemerkenswert fesselnder Weise auf die Bühne gebracht: „Der Alchemist“, ein wunderbares Stück um Fragen der Moral, des Betrügens und des Betrogenwerdens, wenn der tiefe Wunsch jeden mahnenden Verstand ausblendet und für ein raffiniertes Gaunerpärchen den Boden für deren Machenschaften bereitet. Ben Jonson hat es Anfang des 17. Jahrhunderts verfasst. Es ist vor allem auch der an klugen und mit vielen ebenso heiteren wie zum Nachdenken anregenden Einfällen reichen Inszenierung (Regie: Claudia Enchelmaier) zu verdanken, dass der Alchemist ein bemerkenswerter Brückenschlag in die heutige Zeit wurde.

Weil die Darsteller ihren Charakteren zudem ein hohes Maß an Authentizität und damit an Glaubwürdigkeit verliehen haben, ist „Der Alchemist“ eine wirklich sehenswerte Produktion geworden, die einmal mehr zeigt, wie hervorragend das Ensemble aufgestellt ist und wie beeindruckend die Darsteller in ihren Rollen aufgehen.

Ingo Engel (Dunst) und Armin Gosch (Lips) brillieren als Gaunerpärchen, das den weisen Professor und seinen hilfsbereiten Assistenten gibt, unterstützt durch die Dirne Dortchen (Claudia Lindenmann), die als Dritte im Bunde ihren Anteil an den Gaunereien hat, bei denen das Trio den tief verwurzelten Glauben ans Übersinnliche und die Wirksamkeit alchemischer Mittel ausnutzen. Und fast alle fallen darauf herein, sei es die gutgläubige Frau Dreyer (Miriam Staudacher), die sich am liebsten gleich verschuldet im Glauben an den zukünftigen Reichtum, den der vermeintliche Professor verspricht; sei es der schüchterne Schreiber Niedlich (Daniel Neumann) oder sei es Mammon (Damian Bielat), dessen Augen beim Gedanken an all das viele Gold, das die Alchemie hervorbringen kann, zu funkeln beginnen. Auch er zahlt gerne für das simple Versprechen famoser Gewinne, lässt sich auch nicht von Murrheim (Michael Rahms) warnen, der die Gaunerei erahnt. Dabei weiß zunächst niemand, dass dem Gaunertrio noch nicht einmal das Haus gehört, das sie bewohnen.

Wer wissen will, ob das gut gehen kann, sollte sich bis 4. August unbedingt eine der kommenden Aufführungen ansehen – gespielt wird jeweils freitags und samstags um 20 Uhr, sonntags um 19 Uhr. In weiteren Rollen dabei sind: Eberhard Krieg, Maxi Widmayer, Felix Gosch, Julia Griese, Volker Steder und Claudia Enchelmaier. Der Besuch dürfte sich lohnen, nicht nur aufgrund der erfrischend flott inszenierten Geschichte, die mit vielen humorvollen Momenten aufwartet, dabei nicht nur die Kindergruppe geschickt ins Spiel einbindet, sondern vor allem auch ein in vielen Teilen zeitloses Thema behandelt: Wenn die Gier und der Traum von Reichtum blind machen und die Opfer allzu leichtgläubig werden. „Der Alchemist“ ist in diesem Sinne auch mit 400 Jahren Alter ein wundervolles, noch immer sehr aktuelles Stück, das hinter seinem tiefsinnigen Humor jede Menge Wahrheiten verbirgt, über die es sich nach dem Theaterbesuch nachzudenken lohnt.

 

Kritik Bietigheimer Zeitung, Autor: SUSANNE YVETTE WALTER | 15.07.2013

Zeitlos gültig teilt Ben Jonson die Menschheit in schäbige Ausbeuter und leichte Opfer in seiner Gaunerkomödie "Der Alchemist". Die Besigheimer Studiobühne bringt das Ganze elfmal auf die Bühne am Steinhaus.

Bild von: Martin Kalb

In stillen schönen Bildern mit wenig, aber wirkungsvollen Requisiten schafft Regisseurin Claudia Enchelmaier ein ruhiges Portal für den Giftmischer, der so gern damals, als die Alchemie noch eine ehrwürdige Wissenschaft war, auch zwischenmenschlich die Hormonschübe seiner Mitmenschen ausnutzte. Es brodelt in den Tiegeln und Glaskolben, und es brodelt zwischen den Menschen. Das alles ist so herzerfrischend charmant einstudiert von der Besigheimer Studiobühne, dass das Stück wirken kann. An Aktualität hat der Stoff kaum etwas eingebüßt: Heute sind wir den "Alchemisten" nicht weniger ausgesetzt, schließlich finden sich Wegelagerer wie zweifelhafte Finanzberater oder Immobilienhaie. "Der Alchemist" auf der Bühne im Steinhaus-Garten erinnert die an diese Parallelen, die sie sehen wollen.

Kaiserwetter bei der Premiere am Samstagabend: Die Kulisse ist perfekt. Das Mauerwerk und das Steinhaus bieten eine Kulisse wie aus dem Bilderbuch für flanierende Liebespaare, die keine sind, für Bestechungsgänge des Pfarrers Trübsal Heiligung und für die reizvollen Pfade Dortchens, der schönen verbündeten Prostituierten von Dunst und seinem "Diener" Lips (Armin Gosch). Das Hauptrollen-Trio lässt seine Zahnräder so ineinander greifen, dass Dialoge Vergnügen machen und Schauspiel zum Magneten wird - spannend auch für die, die schon wissen, wie am Ende der Intrigant nicht in die Knie gezwungen wird und allen Widrigkeiten zum Trotz sein Schlupfloch findet.

In erreichbarer Nähe zu den ersten Reihen fast steht die Schatzkiste der drei Halunken, die im Namen der Wissenschaft ihre Mitmenschen finanziell ausbeuten. Dortchen (Claudia Lindenmann) mimt nicht nur perfekt die zarte Verführerin, die den Freiern das Geld aus dem Klingelbeutel zieht. Sie spielt auch im Stück selbst ein Spiel, das Rollenspiel des irren Mädchens, das angeblich wegen falscher Literatur den Verstand verloren hat. Verdrehte Augen, abwesendes Gelächter - auch da ist Claudia Lindenmann einfach ein Hingucker. Mit dem Kolorit ihrer Persönlichkeit füllen auch alle anderen geübten Spieler ihre Rollen: Daniel Neumann als "Niedlich", Miriam Staudacher als Frau Dreyer, Damian Bielat als Mammon, Michael Rahms als Murrheim, Eberhard Krieg als Trübsal Heiligung, Maxi Widmayer als Anasia, Felix Gosch als Hamster, Julia Griese als Dame Fügsam, Volker Steder als Heiter und Claudia Enchelmaier als Nachbarin.

Prachtvolle Kostüme schreiben Zeitgeschichte und tun dabei ihre Wirkung. Was besonders angenehm auffällt: Die Lautstärke und die Geschwindigkeit in den Dialogen ist stimmig, und zwar durchweg. Es gibt hier Schauspieler, die rezitieren im Laienbereich wie auf einer Profibühne. Auf den Leib geschnitten ist Ingo Engel die Rolle des "Dunst", der Alchemist, der nebenbei ein Bordell betreibt und Vertreter der Gesellschaft mit falschen Hoffnungen hinhält.

Schließlich fliegt das Labor in die Luft, und der Traum vom Goldmachen platzt. Was voll bleibt, ist die Truhe mit den Vorschuss-Gaben der naiven Seelen, die ans Goldmachen geglaubt haben. Dortchen ist bald damit über alle Berge.

 

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Die Besigheimer Studiobühne e.V. wird gefördert vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst über den Landesverband Amateurtheater Baden-Württemberg e.V.

Copyright © by Michael Rahms, Januar 2017

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