Bietigheimer Zeitung, BETTINE NOWAKOWSKI

Fulminante Premiere der Studiobühne Besigheim mit "Das Maß der Dinge"

Die Studiobühne Besigheim überzeugte am Samstag mit der Premiere des modernen Klassikers "Das Maß der Dinge" von Neil LaButes in einer hervorragenden Inszenierung mit erstklassigem Schauspiel.
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Evelyn (Ramona Karst) sieht Adam (Daniel Neumann) als eine Art künstlerisches Versuchsobjekt. Foto: Martin Kalb
Evelyn (Ramona Karst) sieht Adam (Daniel Neumann) als eine Art künstlerisches Versuchsobjekt. Foto: Martin Kalb
Wie manipulierbar ist der Mensch? Und darf Kunst wirklich alles um der Kunst willen? Das sind die zwei Fragen, um die sich die Thematik des Theaterstücks "Das Maß der Dinge" von dem Autor Neil LaBute dreht. Die moderne Pygmalion-Version vertauscht die Geschlechterrollen: Die arrogant-distanzierte Kunststudentin Evelyn (kühl interpretiert von Ramona Karst) macht den linkisch-unbeholfenen Studenten Adam (mit Daniel Neumann kongenial stark besetzt) zu ihrem "Installations-Dings". Er ist ihr nichts ahnendes Objekt für ihre Abschlussarbeit an der Uni.

Adam verliebt sich haltlos in die resolute, "verrückte" Evelyn, die sein Leben ebenso auf den Kopf stellt wie sein Äußeres. Ihr zuliebe ändert er seine Frisur, nimmt ab, geht ins Fitnessstudio, tauscht seine Brille gegen Kontaktlinsen und lässt sich sogar die Nase operieren. Selbst seine Freunde Jenny (Anna Maksimova als konfliktscheues "Frauchen") und Phil (Christoph Konkol als Möchtegern-Macho), die unmittelbar vor ihrer Hochzeit stehen, erkennen ihren alten Freund nicht wieder. Adams überraschende Wandlung vom hässlichen Entlein zum "Loverboy"-Schwan macht ihn auch wieder für seine Ex-Freundin Jenny interessant, lässt alte Gefühle wieder aufleben.

Evelyn verführt Phil, allerdings aus "künstlerischem" Interesse. Diese Verwicklungen fliegen auf, und Evelyn setzt Adam ein Ultimatum. Als "Beweis seiner Gefühle zu ihr" soll er die Freundschaft zu Jenny und Phil aufgeben. Was er auch macht, denn "ich tue alles, was Du willst".

Was als Boulevardkomödie begann, steigerte sich nach und nach zur Tragödie und gipfelte in der Trennung von Jenny und Phil und in die zynisch-grausame Schlusspointe, dass Adam für Evelyn nur ein "Kunstwerk" war, das sie geschaffen hat. Zurück bleibt ein zutiefst verletzter, gedemütigter und enttäuschter Adam.

Mit dieser Inszenierung unter der Regie von Anna Maksimova und Christoph Konkol ist der Studiobühne Besigheim ein fulminant gespieltes Stück gelungen, dass bei allem Wortwitz der Dialoge und einigen Lachern auch die beklemmende Erkenntnis hinterlässt, wie manipulierbar der Mensch unter dem Deckmantel der "Liebe" ist. In einer Zeit, in der diverse Castingshows für Supermodells und Superstars nur noch auf Äußerlichkeiten setzen, über alle persönliche Individualität hinweg, und gnadenlose Offenheit jedes Selbstwertgefühl zerstört, zeigt die Thematik von "Das Maß der Dinge" eine erschreckende Aktualität. "Es muss doch Grenzen geben", deklariert Adam zum Schluss und bezieht dies nicht nur auf die Kunst, sondern auch auf die Liebe. Moralisch-menschliche Gefühle gegen die kreative Freiheit, Kunst zu erschaffen: ein Zwiespalt, der nicht nur zum Nachdenken anregt, sondern auch zu mehr Aufmerksamkeit im Umgang miteinander und mit der eigenen Individualität.