Durch eine Notiz im "Spiegel" wurde der Schweizer Dramatiker Igor Bauersima auf eine wahre Begebenheit aufmerksam, die die Grundlage seines Stückes "no(r)way.today" werden sollte. Am Samstag wurde es in Besigheim aufgeführt.

"Ein 24-jähriger Norweger suchte im Internet jemanden für den gemeinsamen Selbstmord. Bereits zehn Tage später sprang er mit einer jungen Österreicherin vom norwegischen Preikestolen-Felsen in den 600 Meter tiefen Abgrund", so hieß es in der "Spiegel"-Meldung. Regisseur Daniel Neumann hat das Stück, das seit dem Jahr 2000 an über 100 Theatern weltweit gespielt wurde und zu den meist inszenierten Stücken auf deutschen Bühnen zählt, mit der Jugendgruppe der Besigheimer Studiobühne inszeniert.

Es ist nicht leicht, ein passendes Attribut zu finden, mit denen diese sehr sehenswerte, dichte und packende Inszenierung belegt werden kann: Vielleicht mit "Suizid-Präventionsstück für Jugendliche und junge Erwachsene", aber das klingt schrecklich pädagogisch und wird dem Geschehen auf der Bühne nur in Ansätzen gerecht: In der Geschichte um den geplanten, gemeinsamen Selbstmord der 20-jährigen Julie und des 19-jährigen August geht es um viel mehr als um das vorsätzliche, freiwillige Ausscheiden aus dem Leben, es ist eine Auseinandersetzung mit der Sinnhaftigkeit und der Sinnlosigkeit des Lebens, mit der Frage nach Innenwelt und Außenwirkung, mit Hoffnungslosigkeit und Lebensfreude.

Und es geht um Liebe, um Frust, um Schein und Sein. Alles Themen, die schon mal gezeigt wurden, doch das Besondere an der Inszenierung der Besigheimer Studiobühne zeigt sich in dem Einsatz der 13 "Performer", die allgegenwärtig den Geschehnissen auf der Bühne folgen und indirekt in die Handlung eingreifen: "Scheiße, kein Netz hier unten!", sagen die Performer, die schwarze T-Shirts mit aufgedruckten IP-Adressen tragen und deren Handinnenflächen mit ihren Smartphones, Tablets und Digitalkameras zu verschmelzen scheinen: Was ist Realität, was Virtualität? Was ist Schein, was Sein?

Die großartige darstellerische Leistung der beiden Hauptdarsteller Maxi Widmayer (Julie) und Silas Körner (August) wird durch das Eingreifen der Performer noch beeindruckender: Umgeben von diesen voyeuristischen "Schatten aus Bits und Bytes" spielen sie die jungen Lebensmüden so authentisch und natürlich als brächten sie ihre eigene Story auf die Bühne.

Das Stück über den Selbstmord und seine Tragik wird in Daniel Neumanns Inszenierung, bei der eine engagiert agierende Schauspielerriege, ein schlichtes, aber raffiniertes Bühnenbild (Eberhard Krieg) und klug eingesetzte Video-und Musiksequenzen aufeinandertreffen, zu keiner beklemmenden Lehrstunde in Sachen Jugendsuizidprävention: Es ist eine erfrischend moderne, tiefsinnige und auch mal witzige Auseinandersetzung mit einem Thema, das in unserer gläsernen, transparenten Online-Gesellschaft absurderweise immer noch tabuisiert wird und die sich junge Menschen ab 14 Jahren und ihre Eltern unbedingt ansehen sollten.

Info Weitere Aufführungen von "no(r)way.today" gibt es am 11., 12.,18. Und 19. Mai im Steinhauskeller. Beginn samstags um 20 Uhr, an den Sonntagen um 19 Uhr. Karten im Vorverkauf bei Namasté. Reservierungen telefonisch unter (07143) 96 70 53.