Kritik Bietigheimer Zeitung, Autor: SUSANNE YVETTE WALTER | 15.07.2013

Zeitlos gültig teilt Ben Jonson die Menschheit in schäbige Ausbeuter und leichte Opfer in seiner Gaunerkomödie "Der Alchemist". Die Besigheimer Studiobühne bringt das Ganze elfmal auf die Bühne am Steinhaus.

Bild von: Martin Kalb

In stillen schönen Bildern mit wenig, aber wirkungsvollen Requisiten schafft Regisseurin Claudia Enchelmaier ein ruhiges Portal für den Giftmischer, der so gern damals, als die Alchemie noch eine ehrwürdige Wissenschaft war, auch zwischenmenschlich die Hormonschübe seiner Mitmenschen ausnutzte. Es brodelt in den Tiegeln und Glaskolben, und es brodelt zwischen den Menschen. Das alles ist so herzerfrischend charmant einstudiert von der Besigheimer Studiobühne, dass das Stück wirken kann. An Aktualität hat der Stoff kaum etwas eingebüßt: Heute sind wir den "Alchemisten" nicht weniger ausgesetzt, schließlich finden sich Wegelagerer wie zweifelhafte Finanzberater oder Immobilienhaie. "Der Alchemist" auf der Bühne im Steinhaus-Garten erinnert die an diese Parallelen, die sie sehen wollen.

Kaiserwetter bei der Premiere am Samstagabend: Die Kulisse ist perfekt. Das Mauerwerk und das Steinhaus bieten eine Kulisse wie aus dem Bilderbuch für flanierende Liebespaare, die keine sind, für Bestechungsgänge des Pfarrers Trübsal Heiligung und für die reizvollen Pfade Dortchens, der schönen verbündeten Prostituierten von Dunst und seinem "Diener" Lips (Armin Gosch). Das Hauptrollen-Trio lässt seine Zahnräder so ineinander greifen, dass Dialoge Vergnügen machen und Schauspiel zum Magneten wird - spannend auch für die, die schon wissen, wie am Ende der Intrigant nicht in die Knie gezwungen wird und allen Widrigkeiten zum Trotz sein Schlupfloch findet.

In erreichbarer Nähe zu den ersten Reihen fast steht die Schatzkiste der drei Halunken, die im Namen der Wissenschaft ihre Mitmenschen finanziell ausbeuten. Dortchen (Claudia Lindenmann) mimt nicht nur perfekt die zarte Verführerin, die den Freiern das Geld aus dem Klingelbeutel zieht. Sie spielt auch im Stück selbst ein Spiel, das Rollenspiel des irren Mädchens, das angeblich wegen falscher Literatur den Verstand verloren hat. Verdrehte Augen, abwesendes Gelächter - auch da ist Claudia Lindenmann einfach ein Hingucker. Mit dem Kolorit ihrer Persönlichkeit füllen auch alle anderen geübten Spieler ihre Rollen: Daniel Neumann als "Niedlich", Miriam Staudacher als Frau Dreyer, Damian Bielat als Mammon, Michael Rahms als Murrheim, Eberhard Krieg als Trübsal Heiligung, Maxi Widmayer als Anasia, Felix Gosch als Hamster, Julia Griese als Dame Fügsam, Volker Steder als Heiter und Claudia Enchelmaier als Nachbarin.

Prachtvolle Kostüme schreiben Zeitgeschichte und tun dabei ihre Wirkung. Was besonders angenehm auffällt: Die Lautstärke und die Geschwindigkeit in den Dialogen ist stimmig, und zwar durchweg. Es gibt hier Schauspieler, die rezitieren im Laienbereich wie auf einer Profibühne. Auf den Leib geschnitten ist Ingo Engel die Rolle des "Dunst", der Alchemist, der nebenbei ein Bordell betreibt und Vertreter der Gesellschaft mit falschen Hoffnungen hinhält.

Schließlich fliegt das Labor in die Luft, und der Traum vom Goldmachen platzt. Was voll bleibt, ist die Truhe mit den Vorschuss-Gaben der naiven Seelen, die ans Goldmachen geglaubt haben. Dortchen ist bald damit über alle Berge.