Bietigheimer Zeitung, PATRICIA FLEISCHMANN | 21.10.2014

Zunächst gelangweilt leiern die Schüler in wechselnden Rollen den antiken Text herunter. Auf die Frage der Lehrerin, warum ihnen das Stück so wenig gefällt, erhält sie die Antwort: Die Dichter konnten damals davon ausgehen, dass jeder die Vorgeschichte kennt. Dem Publikum heute jedoch fehlt die Vorgeschichte. Dem kann man abhelfen. Unterlegt von Swing - Michael Kellini am "Tastenkasten" - erzählt das aufmüpfige Klassenzimmer, was vorher geschah: Die Geschichte von Iokaste und Laios, die kinderlos waren und das Orakel von Delphi in der Sache befragen.

An dieser Stelle kommt die Lehrerin von Meliha Toekmel zum Einsatz: Sie verteilt die Rollen des Orakels, Laios' und Iokastes an drei Schüler, die widerstrebend gehorchen. Und Sophokles' Text ordentlich umdichten: Das hier reichlich faule "Oh!-Rakel" von Karlotta Hochhuth - "Ich bin das Orakel von Deplhi und nicht das Dr. Sommer-Team" - prophezeit also, dass die Eltern sehr wohl einmal ein Kind bekämen, dass dieser Sohn allerdings dereinst seinen Vater morden und die eigene Mutter ehelichen würde.

Laios eilt heim und berichtet seiner Frau, die erbleicht: "Iokaste, wat haste?" Nun, schwanger sei sie, bekennt diese (Maxi Widmayer), ein Baseball-Käppi vor den Bauch haltend. Und die Geschichte nimmt ihren Lauf. Weitere Rollen werden verteilt, ausgerechnet ein Schüler aus der letzten Reihe muss den Ödipus geben, jenen Mann, der als Säugling dank eines mitleidigen Dieners überlebt hat, unwissend seiner Vorgeschichte bei Adoptiveltern aufwächst, diese verlässt, nachdem er vom Orakel sein Schicksal hört, um sodann in der Ferne, die seine Heimat ist, wirklich seinen Vater zu morden und mit der eigenen Mutter vier Kinder zu zeugen.

Mit Felix Gosch kehrt vor allem der Rap auf die Bühne. Cool bis zum Umfallen. Er und der Kreon von Silas Körner liefern sich gar ein Battle. "Man könnte meinen, es sei alles in Butter, wär' seine Gattin nicht auch seine eigene Mutter... Die Söhne seine Brüder, die Töchter seine Schwestern. Wenn das die Nachbarn wüssten, gäb' es einiges zu lästern."

Es folgen noch eine mehr als zickige Sphinx (Emily Zundel) und etliche Songs. Neben Rap auch Soul und Gospel. Allen voran Michael Rothfuß' Priester: "Yo', Priester, was geht? - Eure Majestät!" Amerikanischen Predigtshows gleich verwandelt der die Studiobühne samt Parkett in andächtige Ekstase, mit einer super Stimme und Mundharmonika-Einlagen. Enden tut dieser Ödipus wie alle seine Vorgänger, und doch etwas anders, denn die Erkenntnis kommt in Reimform über Ödipus vom blinden Seher, denn der weiß bekanntlich "meher": "Du, ihr Macker, bist ein Motherf..."

Okay, ein professioneller Regisseur war hier mit im Spiel. Der Besigheimer Daniel Neumann ist aus der Branche, spielte zuletzt im Dortmunder Musical "Buddy Holly". Doch dass diese moderne Version funktioniert, liegt nicht zuletzt am Konzept von Bodo Wartkes Neudichtung: Schüler in antiken Rollen - dieses Spiel im Spiel liefert ja zugleich die Erklärung dafür, dass hier eben keine Profis auf der Bühne stehen.

Ein super Stück deshalb, gerade für Laienbühnen. Zwar sieht man den König Ödipus selten so verulkt wie in dieser Fassung. Wo einmal das Original deklamiert wird, halten die Darsteller das Reclamheft vielsagend in die Höhe. Macbeth ist hineingemogelt, die Marx Brothers treten auf und auch der Erlkönig kommt zu Wort. Zugleich jedoch sieht man den Ödipus mit seinem ganzen Komplex auch selten so ernst genommen.

Info Weitere Aufführungen an den folgenden beiden Wochenenden